| Nominierungen CD -Rom tokyocity.ee (Raivo Kelomees, Estland) Kelomees weist selbst darauf hin, dass der Titel einen Ortsverlust zum Ausdruck bringt: .ee ist die Extension für Estland und er fügt sie dem Namen einer Stadt an, die für ihn zur Passion einer Zeiterfahrung geworden ist. Kelomees entdeckt hinter dem Megalomythos der Metropole das Dorf Tokyo, kleiner und menschlicher, als man denkt. Dass sich diese "Citymaschine" in einer "national nicht defnierten Umgebung" organisiert, kann man freilich hinterfragen. Der Autor aber bekennt, was ihn letztlich in der Auseinandersetzung mit dieser Stadt bewegt habe, seien nicht die Menschen, nicht Gebäude und Architektur sondern die Erfahrung der Zeit. Die Yamanote-Linie hat diese Zeiterfahrung offensichtlich entscheidend geprägt. Ja so ist sie, die gute alte Yamanote-Linie. Die Stadt der toten Dichter (Chiho Hoshino, Berlin) Es handelt sich um ein virtuelles Gedichtbuch, in dem Hoshino, den Kunststudien über Wien und Düsseldorf an die HfG nach Karlsruhe gebracht haben, das Werk des Chinesen Yang Lian vorstellt, eines Aktivisten, der seit Tienanmen im Exil lebt. Auch hier wird ein Ortsverlust empfunden und in der Konstruktion virtueller Örtlichkeit verarbeitet. Bemerkenswert ist aber auch, welche Mittel Hoshino findet, um diese Gedichte - so fern - zum Sprechen zu bringen.Sie werden gelesen, im Original und Englisch, animiert, kakaphonisiert und in Räume gestellt, die das Gefühl eines Verlustes erzeugen. Den Zyklus "Unwirkliche Stadt" hat Lian in Berlin geschrieben, ihm ist Die Stadt der toten Dichter entnommen. |
Gender Media Art (Axis, Niederlande) "Gender and transgender, queer and post-queer mark the new range of visions on sexual identity at the turn of the millenium. The biological sex has finally lost ist status as a dominant factor in defining a persons identity. Individual construction of identity has taken ist place." (Authors statement) Axis hat eine Themen-CD-ROM von einiger Komplexität entwickelt, die, wie alle Scheiben aus diesem Land, ihr Interface so ansprechend selbstbewußt vor sich herträgt, dass man zunächst denkt, das wär es schon gewesen - doch weit gefehlt. Etwas Zeit vorausgesetzt findet man in den Katakomben des Systems eine bemerkenswerte Sammlung von Theorien und künstlerlischen Auseinandersetzungen mit Gender-Themen: Lynn Hershman, Sadie Benning, Jennifer Reeder, Judith Butler, Theresa de Lauretis u.a. sind mit Werken und Textauszügen vertreten. Bilder der Berührungen (Valie Export/syntax) Valie Export, eine der wichtigsten europäischen Konzept- und Medienkünsterlnnen der letzte Jahrzehnte, hat sich mit der Syntax Mediengestaltung (Philipp Heidkamp, ein KHM-Sproß) zusammengetan und eine angenehm navigierbare, ergiebige und künstlerbiographisch höchst aufschlußreiche Werk-ROM herausgebracht, die eine intensive Beschäftigung mit ihrer Arbeit erlaubt und alle Schaffenphasen umfaßt - bis auf die zukünftigen. Woran das immer liegt, bleibt ja oft ein Interface-Geheimnis, aber es ist bemerkenswert, dass man an dieser Scheibe regelrecht hängen bleibt, vielleicht gerade deshalb, weil es formal durchaus streng zugeht. Die reinigende Klarheit der frühen Arbeiten treibt einem ja auch fast die Tränen in die multimedial vernebelten Augen... |
Oberserver/Observed (Takahiko Iimura, Japan) Takahiko Iimura ist ein lebender Klassiker des japanischen Experimentalfilms. Bekannt ist sein Film A I U E O NN, mittlerweile zur Ikone geworden sein gespreizter Mund in diesem Film. Eine Berufsbezeichnung für Iimura wäre: Videosemiologe. Er untersucht in analytischen Versuchsanordnungen das Zeichensystem der Videokommunikation und entwickelt, wo andere lieber Bücher schreiben, eine CD-ROM. Observer/Observed behandelt Video-Feedback-Schleifen, in denen eine Kamera im Schwenk auf mit ihr selbst verschaltete Monitore bestimmte Anordnungen produziert. Iimura und seine Assistentin verschmelzen in diesen Anordnungen derart mit der Apparatur, dass man sich irgendwann fragt: Ist Iimura die Videokamera, die die Videokamera filmt? Und man fragt sich, ob die Videokamera vielleicht - lebt? Videoanimismus? Die phantastischste Reduktion des Sehens jedenfalls, die der Filmwinter dieses Jahr zu bieten hat. Streching it Wider (Zaki Omar / Hanno Baethe) Streching bezieht sich auf die RAM-Zuteilung eines mindestens G3-PowerMac und dann gehts auf dem Screen so richtig ab. War der Auswahlkommission nur für Sekunden zugänglich, die zu unvergesslichen Stunden wurden: also rein in den Wettbewerb. Schauts euch an: lohnt sich bestimmt, solange die Hardware das mitmacht... Bubbles (Hiromitsu Murakami) Spaß muß sein. |
Sigmund Freud - Archeology of the Unconscious (Nofrontiere, Wien) Preise: Emma Award 1999 ("General Interest") Die in enger Zusammenarbeit mit der Sigmund Freud-Gesellschaft Wien entwickelte CD-ROM über Leben und Werk des Begründers der Psychoanalyse steht in einem kaum lösbaren Spannungsverhältnis. Sie soll die historischen Tatbestände in einer gewissermaßen offiziellen Lesart wiedergeben und zugleich die Erfahrung des schwankenden Bodens psychoanalytischer Wahrheitssuche im Interface erlebbar machen,Navigation also nach dem Vorbild der Navigation in den Stockwerken des psychischen Apparates - aber nach Möglichkeit wissenschaftlich unanfechtbar. Wer nofrontiere anhand früherer Arbeiten kennt (etwa: interactive land), kommt nicht umhin, hier auch einen Verlust des Spielerischen zu benennen. Trotzdem bleibt nofrontiere in vielem unerreicht, und der Freud-Lissitzky Navigator von Manovich/Klein (siehe Internet-Nominierung) wäre im nächsten Schritt die richtige Herausforderung. Aber wer zahlt das dann? Improvisation Technologies (William Forsythe, ZKM digital art edition, special issue) 'Improvisation Technologies' wurde ursprünglich als professionelles Trainingsinstrument für das Ballett Frankfurt entwickelt. Es führt in die Grundlagen der Improvisationsarbeit von William Forsythe ein, sicherlich einer der bedeutenden Choreographen der Gegenwart. Diese CD-ROM hat bereits vor Jahren Aufsehen erregt, weil Sie die Fähigkeiten des Mediums zur Darstellung und Analyse von Bewegung in bahnbrechender Weise genutzt hat. Die Scheibe ist mittlerweile im Handel, so dass wir die überarbeitet Fassung hier vorstellen. |
S.O.B. (Marita Liulia) Hier also eine Psychohistoire jenseits der Freud-Gesellschaft. Etwas zwischen Bio-Fake und und Beichtkunst, ein schwankender Boden voller Leben: hier ist er in Gestalt einer finnischen Studentin (= ambitious bitch), die vom Psychoanalytiker Jack L.Froid ein Kind bekommt, worauf dieser erst mal wegläuft: das hat sein Vater schon mit ihm so gemacht: Der wissenschaftlichen Karriere scheint dies eher förderlich. Lacan, der auch diesen Begabten mit einer weißen Postkarte ins Unglück stürzt, kann nicht verhindern, dass der in seine Fußstapfen tritt. Trotzdem ist er, für Mutter und Kind, hauptsächlich verschollen. Vielleicht erreicht ihn ja S.O.B. Auf dem Intro der Scheibe sitzt ein Junge, wie im Himmel, und erklärt, dass er seinen Vater immer noch liebt. Finnisches Medienbarock vom feinsten, ein Gelächter über dem Abgrund. Eine Software-Erzählung über dieses Modul in männlichen Gehirnen... Cross Currents (Dennis del Favero, ZKM digital art edition #2) Cross Currents bildet den dritten Teil einer Trilogie des Jugoslawien-Krieges. "Cross Currents betrachtet die Nachwirkungen des Krieges durch eine Geschichte über die Beziehung zwischen einer jungen, aus Kroatien geflüchteten Katalogbraut und dem serbischen Bodyguard, der als ihr Beschützer angestellt ist, nachdem sie zur Prostitution gezwungen wurde... In einem allgemeineren Sinn skizziert Cross Currents durch die Untersuchung des Sklavenhandels in der Prostitutionsindustrie die grundsätzlichen Verbindungen zwischen männlicher und weiblicher Sexualität in der Prostitution, eine der institutionellen Herzstücke heutiger westlicher Gesellschaften." (Authors comment) |
Small Fish (Kijoshi Furukawa, Masaki Fujihata, Wolfgang Münch; ZKM digital art edition #3) Eine CD-ROM mit Untertitel: Kammermusik mit Bildern für Computer und Spieler. Eine Scheibe die einerseits in der sehr beliebten Tradition abstrakter Bildsymphonien eines Oskar Fischinger steht, sich andererseits ganz unheroisch und angenehm kammermusikalisch von dieser Rastlosigkeit unterscheidet. Ausgangspunkt war denn auch die Idee des Komponisten Furukawa bestimmte musikalischen Strukturen durch Handlungsanweisungen zu verändern, die auf dem Bildschirm als Objekte angeordnet sind. All das ist hübsch und fein und lustig aber bemerkenswert ist vielleicht etwas ganz anderes: diese Scheibe ist am ZKM entstanden (das Beiheft macht einige Anstrengungen, diesem Spiel die geistesgeschichtlichen Weihen angedeihen zu lassen, Huizinga, Roger Callois, eieiei...) und - es ist eine Zusammenspiel von Komposition, Design und Programmierung, wie es an Ort und Stelle eigentlich keiner Erwähnung mehr bedürfen sollte. Alsdann: more fish! Permanent Flux (de Balie, Amsterdam) de Balie ist ein renommiertes Veranstaltungszentrum im Herzen Amsterdams und Schauplatz unzähliger Festivals, Symposien und Workshops mit dem Schwerpunkt auf Medienkunst und Medienentwicklung. Es ist also ebenso erfreulich wie naheliegend, wenn de Balie nun mit Permanent Flux eine CD-ROM produziert, die ein ganz bestimmtes Spektrum der Medienentwicklung der letzten Jahre Revue passieren läßt. Ausgangspunkt ist das Werk von 4 |
Insidern: Laurie Anderson, Siegfried Zielinski, Paul Garrin und Frans Evers. Traditionslinien und Querbezüge werden genannt und mit umfangreichem Quellenmaterial unterfüttert, zu dem auch ältere und neue Bewegtbilddokumente gehören: Nam Yun Paik, Knowbotic Research, aber auch Fischinger, Duchamp, Vertov und Bunuel werden referenziert. In vielem vermittelt die Scheibe eine Aufbruchstimmung, die man bereits als historisch empfinden kann. Und optisch: niederländische Schule. Es ist erstaunlich wie weitgehend die Verschmelzung von Text/Bild und Klang/Sprache gelingt. Hier sind die Layer der Wahrnehmung transparent geworden. Things Spoken (Agnes Hegedüs) auf: artintact 5 (ZKM) Agnes Hegedüs hat im Lauf der Jahre Gegenstände gesammelt, die ihr helfen, ihre Geschichte zu erzählen. Wie schon so oft wird das Medium CD-ROM auch hier zum Medium einer reflektierten Sammlerleidenschaft, in diesem Fall sehr gesprächig und sehr unterhaltsam in Szene gesetzt. Dabei hilft ein dialogisches Prinzip, eine Korrespondenz-Ebene des gesprochenen Textes, die - von wem auch immer - so süffig gesprochen wird, dass man sich mit einem dieser Erinnerungsdinger, einer Kordel, am liebsten fesseln lassen möchte, weil diese Stimme das grade auch so gerne täte. Überhaupt erzeugen diese weitgereisten Dinge im Lauf der Zeit einen erzählerischen Sog, dem man sich nur wiederstrebend entzieht. Die Aufbereitung des Gesammelten als Datenbank, die man nach bestimmten Kriterien selektieren kann, bildet ein ziemlich trockenes Gerüst, das dem Plaudern wohl die nötige Sicherheit verleiht. |
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