RAHMENPROGRAMM FILM/VIDEO

Ein Schwerpunkt ist dem Performance- und Filmkünstler Erwin Wurm gewidmet, dessen Arbeiten zur Zeit weltweit gezeigt werden (bis zum 1. Dezember in der Galleria d’Arte Moderna in Bologna und ab Mitte Februar 2003 im Zentrum für Kunst und Medientechnologie in Karlsruhe). Erwin Wurm bricht mit seinen „One Minute Sculptures“, 60 Sekunden-Inszenierungen rund um den menschlichen Körper und um Alltagsgegenstände, in aller Konsequenz die Grenze zwischen Repräsentation und Wirklichkeit. Der Zuschauer wird dabei selbst zum Schauspieler. Wurms Videos sind aber auch keine rein konzeptuellen und partizipativen Arbeiten, wie wir sie aus den 60er und 70er Jahren kennen, sondern thematisieren das Objekt (Gegenstände, Orte, Personen, Medienbilder u.a.) der künstlerischen Auseinandersetzung sowohl seiner Materialität als auch in seiner Referenzialität. Die Objekte – z.B. Kleidungsstücke oder Möbelstücke – werden „performiert“ und erhalten damit eine zeitliche Dimension. Die mitunter absurde Umfunktionierung zerstört den eindeutigen Gebrauchscharakter und die Zuordnung in ein fixiertes Zeichensystem. Die Kombination aus Gebrauchsanweisungen für Gegenstände und Instruktionen für Personen, die er in seinen Videos dokumentiert und vorstellt, schafft ein minimalistisches Vokabular für ein banales Kabinett von Handlungen nach dem Motto, wie „halte ich meinen Atem an und denke an Spinoza?“ Wenn nur noch die Dokumente der Aktionen in Museen und öffentlichen Räumen in Fotografien, Videos und Zeichnungen übrig geblieben sind, verwischt die Grenze zwischen Skulptur, Performance, Video, Foto und Zeichnung.

 

Schon seit mehreren Jahren beschäftigt sich der Filmwinter in der Reihe PerfAct mit dem Wechselverhältnis von Schauspiel, Performance und Handlungsanweisungen im künstlerischen Film. Zu Gast ist u .a. Annette Hollywood, die in diesem Jahr auch Mitglied der Filmjury ist und mit einer Ausstellung in der Galerie GEDOK vertreten sein wird: „Annette Hollywood hinterfragt kritisch die Veränderlichkeit der Realität, der Vorstellung von Identität und der Repräsentation. Was ist echt und was künstlich, und gibt es nicht einen Aussichtspunkt, von dem aus wir zwischen den beiden hin- und herspringen können? Indem sie tatsächliche und metaphorische Brüche auf den Flächen entstehen läßt, auf die typischerweise die eng umschriebenen Images und Identitäten projiziert werden, bietet sie mit relativ simplen materiellen Mitteln einen anspruchsvollen theoretischen Rahmen für Interaktivität.“ (Heidi Fichtner)

 

Ein weiterer wichtiger Aspekt sind die zahlreichen Kooperationen mit regionalen und internationalen Partnern. So hat das Festival nicht nur mit dem ZKM kooperiert, sondern auch mit zahlreichen anderen Einrichtungen in Baden-Württemberg – darunter das Haus des Dokumentarfilms, das Institut français de Stuttgart, das Deutsch-Amerikanische Zentrum ... Als aktives Mitglied der European Coordination of Filmfestivals, einem Verbund von über 250 europäischen Festivals, ist Wand 5/Stuttgarter Filmwinter für die erste Rolle mit europäischen Experimentalfilmen zuständig, die auf dem kommenden Filmwinter 2003 ihre Premiere feiert und dann auf zahlreichen europäischen Festivals zu sehen sein wird.

 

In Zusammenarbeit mit dem Haus des Dokumentarfilms werden auf dem Filmwinter deutsche Kulturfilme der 30er und 40er Jahre gezeigt. In den beiden Programmen wird offensichtlich, wie avantgardistische und experimentelle Filmgestaltung sowie Tricktechniken für propagandistische Zwecke gebraucht und mißbraucht wurden. Die zweiteilige Reihe ist im Zusammenhang mit dem DFG-Forschungsprojekt des Hauses des Dokumentarfilms entstanden und beinhaltet u. a. Lehrfilme von Wilfried Barres („Hausbau“ aus dem Jahre 1936) und zwei sogenannte Kulturfilme von Walter Ruttmann („Metall des Himmels“ von 1935 und „Deutsche Panzer“ von 1940). Eröffnet wird das Programm mit einem avantgardistischen Werbespot von Julius Pinschewer für die Kino- und Photoausstellung 1925 in Berlin. Das Programm verdeutlicht somit auch den Übergang der Produktion von Lehr- und Kulturfilmen von der Weimarer Republik zur Nazi-Diktatur, die durch die 1934 gegründete Reichsstelle für den Unterrichtsfilm (RfdU) Hunderte von Filmen produzieren ließ. Die beiden Programme werden mit einer Einführung am 16. und 17. Januar gezeigt und durch Livemusik bzw. -geräusche des Stuttgarter Musikprojekts MBK begleitet, reinterpretiert und fragmentiert. Die Vorführungen sind möglich durch die Unterstützung des Bundesfilmarchivs, Berlin, der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung, Wiesbaden sowie der FWU München.