FILMWINTER '96: Sadie Benning
Samstag 6. Januar, 20 Uhr, Filmhaus, Auditorium B
Sadie Benning ist eine lesbische Videokünstlerin, die seit ihrem 15.
Lebensjahr mit einer Fisher-Price-Spielzeugkamera arbeitet. Dabei
filmt sie häufig in der Privatsphäre ihres eigenen Zimmers und
benützt handgeschriebene, oft hingekritzelte Tagebuchaufzeichnungen,
die von den Sehnsüchten und der Vielschichtigkeit einer sich gerade
entwickelnden lesbischen Identität erzählen. Bennings fließende
Kamerfahrten und Close-Ups, die abwechselnd spielerische Verführung
und schmerzhafte Ehrlichkeit hervorrufen, zeugen von ihren intimen
Enthüllungen und helfen, ihre beschwörende und experimentelle Form
zu definieren. Ihre Arbeit hat eine teilweise unschuldige, aber auch
erwachsene Seite, die sich in der ganzen Ehrlichkeit, in Humor und
der wirklichen Verzweiflung einer in ihrer Beklemmung gefangenen
Pesönlichkeit, die sich gerade ihrer selbst bewußt wird, spiegelt.
Sadie Benning is a lesbian videomaker who has been creating videos
since she was 15 years old using a Pxelvision Fisher-Rice toy
camera. Benning works often in the privacy of her own room, using
scrawled and handwritten text from diary entries to record the
thoughts and images that reveal the longings and complexities of a
developing lesbian identity. Evoking in turn playful seduction and
painful honesty, Benning's floating, close-up camera functions are
witness to her intimate diaristic revelations and as an accomplice
in defining her evocative experimental form. Her work emerges from a
place half-innocent and half-adult, with all the honesty, humor and
real desperation of a personality trapped and uncomfortable, just
coming to self awareness.
Sadie Benning Videoworks Volume 1
A New Year (4:00, 1989, b/w)
In einer Verson des "Teenage Diary" stehen Bennings Verwirrung und
Depression neben den gräßlichen Geschichten aus der Boulevardpresse
und den brutalen Vorgängen in ihrer Nachbarschaft. Dabei wird die
Schwierigkeit, für sich selbst in einer gewalttätigen Welt eine
eindeutige Identität zu finden, in ihrer jungen, doch schon
verzweifelt klingenden Stimme auf krasse Weise deutlich.
In a version of the "Teenage Diary", Benning places her feelings of
confusion and depression alongsidegrisly tales of tabloid headlines
and brutal events in her neighbourhood. This difficulty of finding a
positive identity for oneself in a world filled with violence is
starkly revealed by Benning's youthful but already despairing voice.
Living Inside (4:00, 1989, b/w)
Als Sadie Benning 16 war, ging sie drei Wochen lang nicht mehr in
die Schule und blieb mit ihrer Kamera, ihrem Fernseher und einem
Berg schmutziger Wäsche zuhause. Dieses Video spiegelt ihren
psychischen Zustand während dieser Zeit. Diese frühe, rauhe Arbeit,
die durch harte Schnitte die Kontinuität des Bildes aufbricht, zeigt
ihr Gefühl von Isolation und Trauer, ihren Rückzug von der Welt.
Dadurch wird "Living Inside" zu der Beichte einer chronischen
Außenseiterin.
When she was 16, Benning stopped going to high school for three
weeks and stayed inside with her camera, her TV set, and a pile of
dirty laundry. This tape mirrors her psyche during this time. With
the image breaking up between edits, the rough quality of this early
tape captures Benning's sense of isolation and sadness, her retreat
from the world. As such, "Living Inside" exists as the confession of
a chronic outsider.
Me And Rubyfruit (4:00, 1989, b/w)
Auf einem Roman von Rita Mae Brown basierend verfolgt diese Video
die Geschichte von dem Zauber einer lesbischen Teenagerliebe. Auf
dem Hintergrund pornographischer Bilder und Telefonsexanzeigen
beschreibt Benning die Unschuld weiblicher Romanzen und die
Tabuvorstellung einer Ehe zwischen Frauen.
Based on a novel by Rita Mc Brown, this tape chronicles the
enchantment of teenage lesbian love. Recorded against a backdrop of
pornographic images and phone sex ads, Benning portrays the
ionnocence of female romance, and the taboo prospect of female
marriage.
If Every Girl Had A Diary (6:00, 1990, b/w)
Benning richtet die Kamera auf sich selbst und auf ihr Zimmer und
sucht nach einer Art Identität und Respekt für sich als Frau und
Lesbe. Während die Kamera abwechselnd beichtet und anklagt, fängt
sie Bennings Zorn und Frustration darüber, in sozialen Vorurteilen
gefangen zu sein, ein.
Training her Pixelvision camera on herself and her room, Benning
searches for a sense of identity and respect as a woman and a
lesbian. Acting alternately as a confessor and accuser, the camera
here captures Benning's anger and frustration at feeling trapped by
social prejudices.
Jollies (11:00, 1990, b/w)
Benning erzählt uns chronologisch von ihren Schwärmereien und Küssen
und zeichnet die Entwicklung ihrer erwachenden Sexualität nach.
Indem sie sich der Kamera auf verführerisch romantische Weise
widmet, ermöglicht sie es den Zuschauern, Einblick in ihre tiefe
Angst und besondere Freude zu gewinnen, wenn sie anfängt zu
begreifen, daß sie lesbisch ist.
Benning gives a chronology of her crushes and kisses, tracing the
development of her nascent sexuality. Addressing the camera with an
air of seduction and romance, Benning allows the viewer a sens of
her waitful angst and special delight as she comes to realize her
lesbian identity.
Sadie Benning Videoworks, Volume 2
A Place Called Lovely (14:00, 1991, b/w)
"Nicky ist sieben. Seine Eltern sind älter und bösartiger." "A Place
Called Lovely" spricht die verschiedenen Arten von Gewalt an, auf
die ein Mensch im Leben treffen kann, von expliziter Prügel,
Unfällen und Mordtaten, bis hin zu der heimtückischen Brutalität von
Lügen, sozialen Erwartungshaltungen und mißbrauchtem Vertrauen.
Benning sammelt Bilder dieser gesellschaftlich verbreiteten
Gewaltbereitschaft aus verschiedenen Bereichen, indem sie
Kindheitserlebnisse nachvollzieht und auf Filme, Zeitungen,
Kinderspiele und Erinnerungen von ihr selbst und von anderen
eingeht. Durch das ganze Video ziehen sich kleine Spielzeuge, die
sie als Requisiten und Beispiele einsetzt, und die sie auf eine
Weise beherrscht und behandelt, wie wir von höheren gewalttätigen
Mächten beherrscht werden.
"Nicky is seven. His parents are older and meaner." "A Place Called
Lovely" references the types of violence individuals find in life,
from explicit beatings, accidents, and murders to the more insidious
violence of lies, social expectations, and betrayed faith. Benning
collects images of this socially-pervasive violence from a variety
of sources, tracing events from childhood: movies, tabloids,
children's games (like mumbledy-peg), personal experiences, and
those of others. Throughout, she uses small toys as props and
examples, handlimg and controlling them the way we are in turn
controlled by larger, violent forces.
IT Waswn't Love (20:00, 1992, b/w)
In "It Wasn't Love" setzt Benning die lustvolle Begegnung mit einem
"Bad Girl" in Bildern aus gängigen Hollywoodklischees um, die sich
durch geschlechtsspezifische Posen und dem Zusammenspiel zwischen
den verschiedenen Genres auszeichnen: vor der Kamera stehen der
Rebell, die Platinblondine, der Gangster, der Schnulzensänger aus
den 50ern und der Vamp mit Schlafzimmerblick. Aufnahmen von
romantischem Stehblues und harter Heavy-Metal-Action auf der Straße
treiben die Zuschauer durch die Liebesgeschichten. Dabei zeigt
Benning mehr als nur romantische Liebe, denn es geht auch um andere
Seiten der körperlichen Anziehung, wie Angst, Gewalt, Lust, Schuld
und totale Erregung. Oder in ihren Worten: "Es war nicht die Liebe,
aber da war etwas." Es war eine Möglichkeit, sich glamourös, sexy
und berühmt zu fühlen.
In "It Wasn't Love, Benning illustrates a lustful encounter with a
"Bad Girl", through the gender posturing and genre interplay of
Hollywood stereotypes: posing for the camera as a rebel, the
platinum blonde, the gangster, the 50's crooner, and the heavy
lidded vamp. Cigarette poses, romantic slow dancing, and fast-action
heavy-metal street shots propel the viewer through the story of the
love affair. Benning's video goes farther than romantic fantasy -
describing other facets of physical attraction including fear,
violence, lust, guilt, and total excitement. As she puts it, "It
Wasn't Love, But It Was Something" it was a chance to feel
glamorous, sexy, and famous all at the same time.
Girl Power (Part 1) (15:00, 1992, b/w)
"Girl Power" ist eine rauhe Sicht dessen, was es bedeutet, ein
radikales Mädchen in den 90ern zu sein, mit der Musik von Bikini
Kill, einer Mädchenband aus Washington D.C. Sadie Benning schildert
ihre persönliche Rebellion gegen Schule, Familie und weibliche
Klischeevorstellungen als Geschichte ihrer eigenen Freiheit, wenn
sie erzählt, wie sie als Model Matt Dillon darstellte oder die
Schule schwänzte, um allein Abenteuer zu suchen. Dieses Video, das
von der Undergroundbewegung des "Riot Girl" durchdrungen ist,
verändert die Sichtweise auf weibliche Jugend, weg von veränderter
Passivität und höflicher Fügsamkeit zugunsten radikaler
Unabhängigkeit und selbstbestimmter Sexualität.
Set to music by Bikini Kikll, an all-girl band out of Washington
D.C., Girl Power is a raucous vision if what it means to be a
radical girl in the 90's. Benning narrates her personal rebellion
agains school, family and female stereotypes as a story of personal
freedom, telling how she used to model like Matt Dillon and skip
school to take adventures alone. Informed by the underground "Rior
Grrrl" movement, this tape transforms the image politics of female
youth, against traditional passivity and polite compliance in favour
of radical independence and a self-determined sexual identity.

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