FILMWINTER '96: Vortrag Erkki Huhtamo:Gibt es Kunst im CD-ROM-Bereich?
Eine Einführung zur CD-ROM Art Gallery Die CD-ROM erlebt gegenwärtig ihren Durchbruch auf dem Verbrauchermarkt. Die Verkaufszahlen für CD-ROM-Laufwerke für Heimcomputer haben sich vervielfacht und die Preise sind in den letzten 1-2 Jahren gefallen. Gleichzeitig werden die Laufwerke schneller und gehören allmählich zur Standardausrüstung eines Power MAC oder Multimedia-PC. Entspechend hat sich auch die Anzahl an CD-ROM-Titeln, die schon auf dem Markt sind oder gerade produziert werden, drastisch erhöht. War es 1993 für einen aufmerksamen (und strategisch günstig positionierten) Beobachter noch möglich die gesamte CD-ROM-Produktion zu beherrschen, so ist es für einen Menschen jetzt vollkommen unmöglich geworden, schon praktische Erfahrung mit allem gehabt zu haben. Der weltweite CD-ROM-Markt ist auf Kommerz und Firmen ausgerichtet. Selbst wenn noch nach eigenen Formen gesucht wird, so gibt es doch sehr wenige Anzeichen einer hohen Risikobereitschaft. Die meisten Produkte, wie innovativ ihre Umsetzung auch sein mag, passen gut in die Kategorien, die entweder den schon etablierten Bereichen des Buchwesens oder der Massenmedien (film, television) nachempfunden sind oder die in direkter Beziehung zu bereits populären interaktiven Genres, wie z.B. Videospiele, stehen. Diese Situation ist nicht ungewöhnlich, wenn ein neues Medium seine Ausprägungsformen und seinen Platz auf dem Markt sucht, dies muß aber nicht sein.
Es gibt jedoch bereits innovative Arbeiten, die die Grenzen dieses neuen Mediums austesten und nicht den üblichen Schemas entsprechen. Einige CD-ROM-Projekte der Pionierfirma Voyager wie die interaktive Version von Art Spiegelmans sehr persönlichem Comic über die Erinnerungen an den Holocaust, "The Complete Maus", und das extravagante "interactive movie" The Freak Show, bei dem Jim Ludtke Regie führte, beweisen dies. Vor kurzem veröffentlichte Voyager eine Doppel-CD-ROM mit den Ergebnissen des Wettbewerbs "New Voices, New Visions", den sie gemeinsam mit dem Wired-Magazin und Interval Research 1994 organisiert hatten. Obwohl diese Auswahl von recht unterschiedlicher Art ist, herrscht allgemein große Spannung und Aufbruchsstimmung verursacht durch dieses neue Medium.
Unabhängige Künstler stossen gegenwärtig in CD-ROM-Grenzbereiche vor. Wie zu vermuten sind ihre Hintergründe unterschiedlich: bildende Künstler, Computerkünstler, Grafik-Designer, Fotografen, Komponisten, Schriftsteller, Videofilmer, Computer-Freaks. Diese Pioniere stehen zahlreichen Herausforderungen gegenüber. Sie müssen nicht nur Lösungen für technische oder ästhetische Fragen finden, sondern auch für Probleme der Produktion, des Vertriebs und der Präsentation. Soll die CD-ROM-Kunst an die Türen der Geschäftswelt klopfen, um Produktionsverträge auszuhandeln oder sollte sie bewußt eine "Hinterzimmer"-Industrie bleiben? Soll sie sich in eine Reihe mit der konventionellen Kunst stellen, oder sollte sie ihre Identität anderswo im expandierenden Territorium der Techno-Kultur suchen?
Es gibt weitere Fragen: Sollen CD-ROM-Kunstwerke dieselben Vertriebskanäle wie beispielsweise Spiele und Edutainment benutzen oder sollten alternative Wege geschaffen werden? Sollten diese Arbeiten als Massenware oder eher als exklusive und teure Sammlerstücke gesehen werden? Sollen sie auf den Privatbereich oder auf die Öffentlichkeit zielen? Und, die vielleicht wichtigste Frage: was, falls überhaupt, ist "CD-ROM-Kunst"?
Die Kunstwerke die während des Stuttgarter Filmwinters in der "CD-ROM Art Gallery" ausgestellt sind, zeigen einige frühe Entdeckungsreisen, die die oben gestellten Fragen möglicherweise beantworten könnten. Sie sind jedoch kaum schlüssig. Im Falle der CD-ROM als neues Medium hat die Suche erst begonnen. Die Suche betrifft sowohl die ästhetischen unverwechselbaren Merkmale dieses Mediums als auch den Platz der CD-ROM in der Media-Kultur der neunziger Jahre. Eines ist jedoch klar: Die enorme Begeisterung die diese kleinen optischen Scheiben hervorrufen. Die Situation ist vielleicht vergleichbar mit der Aufbruchstimmung über die Videokunst in den sechziger und siebziger Jahren.
CD-ROM-Galerie kuratiert von Erkki Huhtamo
All New Gen. Produziert von VNS Matrix, Australien 1994. System: Macintosh.
Eine cyber-feministische CD-ROM, oder ein "Game-Girl", die ironische Demontage eines Computerspiels, basierend auf dem Bestreben des Protagonisten All New Gen, die Datenbanken von Big Daddy Mainframe zu zerstören, und den Samen für eine neue Weltunordnung zu säen. Das Stück setzt Ironie und Humor ein, um die entstandenen, in der Computerkultur und bezüglich der Produkte fest (hardware-)verankerten Vorurteile offenzulegen, und es schreibt die Codes für andere denkbare Utopien. Cyberfeminismus ist eine aktive radikale Größe, die im "Spiralspace" kopiert wird, und den Techno-Diskurs unterbricht, dessen Entstehungsgeschichte im militärisch-technischen Sektor liegt (aka Big Daddy Mainframe).
An Anecdoted Archive from the Cold War von George Legrady. Produziert von George Legrady, USA 1994. System: Macintosh.
"Diese CD ist eine autobiographische non-lineare Erzählung, die persönliches und offizielles kommunistisches Material von den Schauplätzen und Ereignissen im Osteuropa der frühen 50er Jahre enthält - in Form von Home-Movies, Videoszenen, Objekten, Büchern, Familiendokumenten, sozialistischer Propaganda, Geld, Tonaufnahmen, Nachrichtensendungen, Ausweisformulare etc . Die Themen sind in 60 Geschichten thematisch angeordnet in Überblendungen über 8 Zimmer des Originalgrundrisses des früheren Museums der Arbeiterbewegung (Propaganda) in Budapest gelegt - der Originalinhalt wurde seit 1990 unter Dauerverschluß gehalten. Anecdoted Archive reflektiert meine persönliche Geschichte in ihrer Beziehung zum Kalten Krieg. 1950, gegen Ende der Stalin-Ära in Budapest geboren, emigrierte ich mit meiner Familie während der Ungarischen Revolution 1956 in den Westen." (George Legrady)
Diese CD-ROM ist ein interaktiver Trip in die seltsame Welt des bildenden Künstlers Bill Barminski aus Austin, Texas. In Form eines interaktiven "shopping centers" zeigt sie die verschiedenen künstlerischen "Süßwaren", die Marmnski im Laufe der Jahre geschaffen hat, um dem amerikanischen Verbraucher-Kapitalismus 'seine Referenz zu erweisen' - und zwar in seiner eigenen, vom Punk beeinflußten Art und Weise. Das Material ist reichhaltig; es enthält alle Arten von Bildern und Überraschungen. Die Arbeit ist bewußt unordentlich - und lustig - organisiert. Die CD-ROM enthält auch Barminskis berüchtigte Tex-Hitler-Comic-Strips, mit einem Essay von Greil Marcus und einer Dokumentation über die kontroverse Debatte, die sie in seinem Geburtsstaat Texas auslöste.
Eine surreale und seltsame, doch poetische Kombination der klassischen "Chronophotopgraphic"-Fotoserie aus dem 19. Jahrhundert von E. Muybridge und dem mittelalterich illustrierten Kodex-Format. Der Anwender kreiert verschiedene Animationsschleifen auf den "Buch-Seiten". "Shibayamas Morphing-Experimente statten Muybridges Analysen mit an Bergson erinnernder Sinnlichkeit aus-, sie werden dabei in einen kontinuierlichen Fluß integriert, in eine pulsierende Welt. Die Wirkung unterscheidet sich völlig von der kinematographischen Animation. Dieselbe Zeit, aber ein ganz anderer Raum wird wiedergewonnen. Fließender Raum. Erotisch und mit innerem Sinn, ohne Außentendenz. Zeit und Raum sind nicht unterscheidbar." (David d'Heilly)
Eine makabre, komische Repräsentation monströser Weiblichkeit. Gespendete, während der Künstlerwochen des Adelaide Festival '94 gesammelte Körperteile sind zum Aufbau einer computerbasierenden, interaktiven Arbeit benutzt worden. Über 30 Frauen nahmen an der Originalveranstaltung teil, indem sie ihren ausgewählten Körperteil scannten und einen Satz oder einen Ton digital aufzeichneten. Konglomeratförmige Körper wurden aus der gespendeten Information zusammengestellt. Sie wurden dann animiert und interaktiv gestaltet. Wenn ein Betrachter eines dieser Monster aktiviert, können die mit diesem Körperteil verbundenen Wörter gehört oder gesehen werden, ein weiteres Monster kann auftauchen, ein digitales Video kann abgespielt werden, eine Geschichte oder medizinische Informationen über den physischen Zustanden werden vielleicht gezeigt. Der Benutzer bewegt sich relativ blind zwischen diesen Stadien. Es gibt kein Menü-System oder klar kontrollierbares Interface.
Angeregt vom Tod der Mutter im Jahr 1993, erkundet die Künstlerin die Mutter-Tochter-Beziehung in einer sehr persönlichen, poetischen Weise. "Diese interaktive Reise verarbeitet 35 Jahre meiner Tagebucheintragungen und Aufzeichnungen, Briefwechsel meiner Mutter und mir, gesammelte Zitate, Familienfotos und die S-8 und Video Home Movie Sammlung meines Onkels. 'Das Aussehen und das Gefühl' der Interfaces basiert auf aktuellen Kaligraphien meiner Tagebücher und Aufzeichnungen." (Susan Metros)
Das erste Produkt der Media Band, eine lockere Zusammenarbeit verschiedener, bekannter audiovisueller Talente: Marc Canter, Jim Collins, Stuart Sharpe, Kelley Gabriel, Chris Watkins, John Sanborn, Mark Shepherd, Allison Prince und Michael Kaplan. Die CD-ROM enthält zwei in eine "Aether Rave" eingepackte Werke, "UnDo Me" und "House Jam". Sie lassen sich am besten als experimentelle Musikvideos (oder besser Video-Musikstücke) beschreiben, nicht an eine Form gebundene Untersuchungen der kreativen Möglichkeiten von Multimedia. Neben den vielen verblüffenden (audio)Visionen und überraschenden Schnittstellen-Lösungen kann die Arbeit als eine Kampfansage an deas Videokunst-Genre der 80er Jahre, den "special effects" (durch die Anwesenheit von John Sanborn in Erinnerung gerufen) eingestuft werden. Ist dies wirklich ein Markstein des bevorstehenden Sterbens der Videokunst?
Ein Mulitmedia-Kunstwerk, das Original-Kunstwerke und Collage-elemente integriert, die aus verschiedenen Zeiten und Traditionen kommen. Standbilder, Videos und Animationen; Originalgedichte und Textauszüge aus Quellen wie z.B. Wilham Blake, Biologie-Lehrbücher und der Bhagavad-Gita; dazu kommen Töne, einschließlich verfremdeter Stimmen, Töne aus der Natur und Musik. Eine Wachrufung des erotisch-alchimistischen Dramas der Zeugung. Ein Reisen durch die Zeit über eine Boden voll Chlorophyll und Blut. Eine Untersuchung des Wechselspiels zwischen maskulinen und femininen Lebensformen.
Diese Arbeit legt ihren Schwerpunkt auf Darstellungen der Beziehung zwischen Frauen und Technologie, einschließlich der Werbespots, die die Versklavung der Frau durch Haushaltsgeräte zeigt, sowie Werbefilmclips, die die überall vorhandenen Geschlechterklischees am Arbeitsplatz offen zeigen, außerdem Auszüge aus Science-fiction-Filmen, die die Invasion weiblicher Körper durch futuristische Maschinen darstellen Autobiographische Anekdoten, die für den Betrachter in Buchstaben aufgezeichnet wurden, werden mit diesen kulturellen Artefakten zu einer Collage zusammengefügt, während die Schleifen mechanisch bestimmter Sound-Effekte eine Umgebungsstruktur schaffen. Interaktive Computer-Technologien werden selbstreflektierend als konsumenten-orientierte Episteme untersucht.