„Artificial Societies“ außer Kontrolle?
Notizen zum Forschungsprogramm der Sozionik

Thomas Malsch (Hamburg)
 
 
Sozionik ist ein neues Forschungsfeld zwischen Soziologie und Künstlicher Intelligenz (KI). Ähnlich wie man sich in der Bionik vorgenommen hat, biologische Vorbilder für neue Techniken zu nutzen, geht es in der Sozionik um die Frage, wie es möglich ist, gesellschaftliche Vorbilder und soziologische Konzepte aufzugreifen, um daraus Modelle künstlicher Sozialität und intelligente Computertechnologien zu entwickeln. Die Anfänge dieser Idee reichen bis in die frühen achtziger Jahre zurück, als sich Wissenschaftler aus der amerikanischen KI-Forschung auf die Suche nach verteilten und koordinierenden Methoden des Problemlösens machten. Dabei kamen sie mit Soziologen ins Gespräch und sahen sich unversehens in neue Forschungsfragen verwickelt. Und so entstanden im Grenzgebiet zwischen Informatik und Soziologie die ersten sozionischen Vorposten. Mit einiger Verspätung erlebt die Sozionik nun auch hierzulande einen kräftigen Aufschwung, der durch ein bundesweites Schwerpunktprogramm der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) verstärkt und gefördert wird. 

Das Schwerpunktprogramm der DFG ist als eine Einladung zu einem ziemlich ungewöhnlichen Gedankenexperiment zu verstehen: Die Soziologie wird eingeladen die Technologien der Verteilten KI (VKI) als soziologische Texte zu lesen; die VKI wird eingeladen soziologische Theorien als technologische Bauanleitungen zu lesen; und beide werden mit der Zumutung konfrontiert, sich mit der Vorstellung von „Artificial Societies“ oder Agentengesellschaften „out of control“ vertraut zu machen. Es handelt sich um drei verschiedene, aber eng verbundene Fragen zur Erforschung und Modellierung von künstlicher Sozialität. Die erste richtet sich auf das Potential der „Multiagentensysteme“ (MAS) der VKI für die Simulation gesellschaftlicher Zusammenhänge und für die soziologische Theoriebildung. Hier geht es um die soziologischen Grundprobleme der Entstehung von gesellschaftlicher Ordnung und von sozialem Wandel. Die zweite befaßt sich mit der Frage nach der Exploitierbarkeit soziologischer Theorien für den Bau von dynamischen und skalierbaren Multiagentensystemen. Und die dritte bezieht sich auf die gesellschaftliche Bedeutung, auf die Chancen und Risiken von „Artificial Societies“ im Internet. 

Die dritte Frage läßt sich auch so formulieren: Können wir uns vorstellen, in und mit einer künstlichen Gesellschaft oder Hybridgemeinschaft von „sozialkompetenten“ technischen Agenten zu leben? Werden uns die kommenden Agentengesellschaften aus künstlichen „Akteuren“ und menschlichen „Agenten“ zu einer grundlegenden Neubestimmung des Verhältnisses von Mensch und Technik und der Menschen untereinander nötigen? Das sind kritische Fragen, die vor über zwanzig Jahren bereits in ähnlicher Weise von Hubert Dreyfus gestellt wurden. Vehement verteidigte Dreyfus damals die Einmaligkeit der menschlichen Intelligenz gegen die Usurpation der sogenannten „computational metaphor“ des Geistes, von der die KI auch zwei Jahrzehnte später in aller Unbescheidenheit und immer noch völlig unbeeindruckt von aller Kritik sagen konnte, es handele sich um eine „extremely influential notion“ (Nolan). Aus sozionischer Sicht kommt es heute darauf an, die alte Schlachtordnung um die hegemionale Deutungsmacht der computationalen Metapher des Geistes durcheinander zu bringen und die Polarisierung zwischen Kritikern und Befürwortern der (V)KI zu unterlaufen. Stattdessen ist die Konstruktion von Technik nach dem Vorbild von Gesellschaft vorurteilsfrei zu durchdenken und ohne sich den Blick durch voreilige Wertungen verstellen zu lassen. 

Dabei stoßen wir auf eine tiefliegende Paradoxie: Wenn Technik nach herkömmlicher Auffassung als ein voll kontrollierter und deterministischer Wirkungszusammenhang kunstvoll ins Werk gesetzt wird, so präsentiert sich Gesellschaft dagegen als ein unkontrollierbarer und insofern a-technischer Wirkungszusammenhang, den wir (wer?) trotz (oder wegen?) vielfältiger Planungs- und Steuerungsaktivitäten nicht in den Griff bekommen können, „weil irgendwo irgendwas gegensteuert“ (Luhmann). Wenn wir uns gleichwohl auf die Denkunmöglichkeit einer nach realgesellschaftlichem Vorbild gebauten „Artificial Society“ einlassen, dann wäre sie nach den konventionellen Standards einer kontrollierten Technik eigentlich gar keine Technik. Um uns mit der paradoxen Vorstellung einer a-technischen Technik vertraut zu machen, müssen wir uns klar machen, daß Technik als gesellschaftliches Projekt nur deswegen außer Kontrolle geraten kann, weil und insofern Gesellschaft selbst „unkontrollierbar“ ist. 

Das ist freilich noch kein Grund zum Fatalismus oder zur Resignation. Vielmehr ist es ein Anlaß um darüber nachzudenken und eventuell neu zu bewerten, was „Unkontrollierbarkeit“ im sozio-technischen Zusammenhang bedeutet. Was die KI betrifft, so war sie schon immer besonders stolz darauf, daß man nicht genau vorhersehen konnte, was intelligente Programme angesichts eines konkreten Problems tun würden bzw. zu welcher konkreten Lösung sie kämen. Das galt schon für die Expertensysteme der 80er Jahre, aber mehr noch für die neuronalen Netze der 90er Jahre. Man kennt und programmiert zwar ihre Funktionsprinzipien und gibt ihnen einen bestimmten Operationszweck vor, z.B. die Erkennung von Bildern oder Mustern, aber innerhalb des vorgegebenen Rahmens verhalten sie sich non-deterministisch und prinzipiell unvorhersehbar. Aber gilt dies nicht für alle komplexen Technologien? Das mag wohl zutreffen. Gleichwohl bleibt ein bemerkenswerter Unterschied zu „undurchschaubaren“ großtechnischen Systemen wie etwa einem Airbus oder einem Atomkraftwerk zu verzeichnen: Diese Systeme operieren deterministisch. Und sie können nicht trotz, sondern wegen ihrer deterministischen Operationsweise außer Kontrolle geraten. 

Mit der Agententechnologie und den Multiagentensystemen verhält es sich geradezu umgekehrt. Es handelt sich um eine ingenieurmäßig konstruierte „Unkontrollierbarkeit“, die einer nicht-deterministischen Operationsweise entspricht. Die Handlungsautonomie dieser Artefakte ist gewollt und das kann dann nur heißen, daß Agenten möglicherweise Dinge tun, die sie nicht tun sollen. Die sogenannten „Atavare“ und „Assistent Agents“ sind ein wichtiger Schritt in diese Richtung, auch wenn sie noch als durch und durch dienstbare Geister konzipiert werden. Es handelt sich um intelligente Techniken, die nicht nur kognitive, sondern zudem auch soziale Fertigkeiten besitzen und sich in die Rolle des Benutzers „einfühlen“ können. Dabei geht man von der Erwartung aus, daß sich die Adaptivität und Flexibilität von Multiagentensystemen wesentlich erhöhen läßt, wenn man den Benutzern und den Softwareagenten erlaubt, direkt als Interaktionspartner miteinander zu kommunizieren und voneinander zu lernen. Das setzt voraus, daß menschliche Benutzer und technische Agenten sich wechselseitig als soziale Akteure wahrnehmen. Aber was passiert, wenn ein Assistenzagent als Stellvertreter einer hierarchisch höher gestellten Person anderen rangniedrigeren Personen aus einer Position der Stärke gegenübertritt und seine Machtüberlegenheit ausspielt? Was bedeutet das für die gesellschaftlichen Beziehungen und unter welchen Voraussetzungen werden die zukünftigen Nutzer bereit sein, dies zu akzeptieren? 

Dies sind Fragen, die sich Informatiker und Techniksoziologen gleichermaßen stellen müssen, wenn eine praktische Nutzung von Multiagentensystemen unter realen Einsatzbedingungen angestrebt wird, die auf eine qualitativ neue Form der Einbettung des technischen Systems in die Kontexte seiner Benutzung hinauszulaufen scheint. Sie muß auf die Tagesordnung einer innovativen Technikbewertung und nachhaltigen Technikgestaltung gesetzt werden, die die kritischen Fragen der wechselseitigen Durchdringung von technischem System und sozialem Anwendungskontext thematisiert. Im Unterschied zu konventioneller Technikbewertung, deren praktische Relevanz durch zahlreiche sozialwissenschaftliche Technikstudien gut dokumentiert und belegt ist, haben wir es im Fall der „Artificial Societies“ aber mit einer ganz besonderen Gestaltungsaufgabe zu tun. Denn hier handelt es sich nicht mehr allein um die Beantwortung der üblichen Frage, wie eine deterministische Technik in einen nicht-deterministischen Anwendungskontext eingebettet werden kann, der durch Interaktionsbeziehungen zwischen sozialen Akteuren gekennzeichnet ist. Vielmehr geht es hier um einen technischen Wirkungszusammenhang, der ebenso wie sein Kontext aus nicht-deterministischen „sozialen Beziehungen“ besteht. Die „Gleichartigkeit“ von technischen Agentengesellschaften und wirklichen menschlichen Gesellschaften macht die Sache aber nicht leichter sondern schwieriger. Das betrifft zunächst die Glaubwürdigkeit und Akzeptanz von Assistenzagenten bei ihren menschlichen Mit- und Gegenspielern, die sie sich erst durch angemessenes soziales Verhalten in bestimmten Interaktionssituationen erwerben müssen. 

Die Frage nach einem gesellschaftsähnlichen technischen Wirkungszusammenhang, der aus nicht-deterministischen „sozialen Beziehungen“ besteht, hat aber noch einen anderen durchaus folgenschwereren Sinn. Dies wird deutlich, wenn wir uns vergegenwärtigen, was sich jenseits des für uns sichtbaren „human-machine interface“ befindet oder befinden könnte. Dahinter befindet sich ja nicht allein mein persönlicher „Assistent Agent“, der in meinem Auftrag handelt und den ich, weil er mit einer gewissen Entscheidungsautonomie ausgestattet ist, wie einen kleinen Golem überwachen und unter Kontrolle halten muß. Vielmehr ist meine Assistentin in ein Netzwerk von unüberschaubar vielen Agentinnen eingebunden, die als „Atavare“ ebenfalls andere Menschen vertreten - oder aber, und das ist der springende Punkt, gar keine reale Person vertreten, also in niemandes Auftrag handeln, sondern irgendeine für das Agentennetzwerk anderweitig nützliche, reproduktive Funktion erfüllen. Sie „vertreten“ gewissermaßen das Netzwerk selbst, sie arbeiten an der Autarkie des Netzwerks, und das vollkommen unabhängig von und gegebenenfalls auch gegen die Interessen und Wünsche der menschlichen Benutzer und Designer. Damit kommen die Reproduktionsprobleme einer von der direkten Benutzerkontrolle abgekoppelten künstlichen Sozialität in den Blick, die nach einem gesellschaftskritischen, aber zugleich auch unbefangenen und tabufreien Umgang mit der Vorstellung eines außer Kontrolle geratenen Multiagentennetzwerkes verlangen. 

Denn die eigentümliche Leistung von „Artificial Societies“ beruht ja geradezu darauf, daß sie uns ebenso wenig zu Willen sind wie „unsere“ wirkliche Gesellschaft. Während ein unsteuerbarer Assistenzagent eine Fehlkonstruktion darstellt, gilt für eine unsteuerbare Agentengesellschaft das genaue Gegenteil: „Artificial Societies“ nach dem Vorbild menschlicher Gesellschaften bauen zu wollen bedeutet, das technische Potential eines a-technischen Reproduktionszusammenhangs auszureizen, der von „außen“, d.h. von menschlichen Designern, Benutzern, Betreibern nicht mehr manipuliert werden kann, selbst wenn jeder einzelne Agent an ganz kurzer Leine gehalten würde. Es kämen hier die Bauprinzipien einer menschlichen Gesellschaft zum Zuge, die sich unserer Verfügungsgewalt entzieht, obgleich sie aus nichts anderem besteht als aus unseren eigenen selbstverfügten Handlungen. Erst wenn wir uns mit der Idee anzufreunden beginnen, daß autarke „Artificial Societies“ etwas anderes sein können als die fleißigen Heinzelmännchen aus dem Märchen oder die durch das Internet vagabundierenden Agentenbanden aus unseren Angstträumen, können wir die paradoxe Frage nach einer a-technischen Technik beantworten. 
 

Professor Dr. rer. pol. Thomas Malsch leitet den neuen Arbeitsbereich Technikbewertung und Technikgestaltung und ist maßgeblicher Initiator des DFG-Schwerpunktprogramms "Sozionik - Erforschung und Modellierung künstlicher Sozialität".